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Predigt: Privilegienfest 2010 |
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Die heilige Afra - Predigt zur
Lichtermesse am 7. August 2010 von DK J. D. Szuba „Wenn dir vergönnt ist, über die Flüsse der Barbaren zu kommen, so dass Du friedlich den Rhein
überqueren kannst und die Donau, ziehst du nach Augsburg, wo Lech und Wertach hinfließen; dort verehre die Gebeine der heiligen Märtyrin Afra.“ Diese Worte stammen von dem
Dichter Venantius Fortunatus. Er unternimmt im Jahr 565 von Ravenna aus eine
Wallfahrt nach Gallien zum Grab des
heiligen Martin von Tours. Anschließend
lässt er sich dort nieder. Einige Zeit später wird er Bischof von Poitiers
und stirbt um das Jahr 600. Ventantius Fortunatus verfasst eine Lebensbeschreibung des hl. Martin als
Gedichtzyklus und spricht am Ende mit den zitierten Worten sein Buch selbst
an. Es soll den umgekehrten Reiseweg gehen, den er selbst einst angetreten hat:
Auf dem Weg durch Süddeutschland versäume es auf keinen Fall, so ermahnt der
Dichter sein Buch, die »ossa sacrae
... martyris Afrae« zu verehren, die Gebeine der heiligen Märtyrin Afra.
Wer war diese Afra, nach der
die heutige Werktagskapelle des Dom benannt ist? Dieser Frage will ich heute
nachgehen. Der historische Befund ist schnell erzählt, so weit er sich aus
den Quellen herleiten lässt. Umso facettenreicher und faszinierender ist die große
Wirkungsgeschichte dieser Heiligen. Um die Wende zum 4. Jahrhundert
lebt in Augsburg eine Christin mit dem Namen Afra. Ihr Name könnte darauf
hinweisen, dass Afra (»die Afrikanerin«) aus Afrika stammte. Es ist die Zeit
des römischen Kaisers Diokletian. Offenbar erleidet sie um 304 im Zuge der
Christenverfolgungen zusammen mit anderen einen gewaltsamen Tod. Das
Martyrium der Christin Afra zählt zu den frühesten christlichen Glaubenszeugnissen
nördlich der Alpen. Sehr bald beginnt ihre Verehrung. Eine kleine, aber
lebendige christliche Gemeinde hält
das Andenken an ihr Martyrium wach. Die Afra-Kultstätte lag ursprünglich wohl
in einem großen Gräberfeld. Sehr bald wird dort eine Kirche zu Ehren der
Heiligen erbaut. Auch im so genannten »Martyrologium Hieronymianum« aus dem
6. Jahrhundert - eine Art Heiligenkalender - findet sich ein Hinweis auf
Afras gewaltsamen Tod. Im 8. Jahrhundert wird nun das
wenige das man über die hl. Afra weiß, legendär ausgeschmückt. Es entsteht
eine fantasievolle und symbolträchtige Legende über die Conversio und die
Passio, über die Bekehrung und über die Leidensgeschichte der hl. Afra. Im
»Martyrologium Hieronymianum« findet sich bei dem Namen »Afra« der Begriff
»Veneria«. Dies hat man auf Afra bezogen und als Hinweis auf ihren Beruf
gedeutet. Danach war Afra als Veneria eine Venusdienerin, also eine
Liebesdienerin, nichts anderes als eine Prostituierte. Folgendes erzählt nun die
Legende von ihrer Bekehrung: Afra kommt zusammen mit ihrer Mutter Hilaria und
einigen Begleiterinnen in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts von Zypern nach
Augsburg. Dort gehen sie ihrem besagten Beruf als Liebesdienerinnen nach. Während
der Christenverfolgung des Diokletian kommt nun ein Bischof Narzissus mit seinem
Diakon Felix in die Stadt. Sie befinden sich auf der Flucht und suchen ein
Quartier. Ganz arglos bitten sie um Einlass in Afras Herberge. Sie hält die
beiden natürlich für Kunden ihres Etablissements, die ihre Liebesdienste in
Anspruch nehmen wollen. Zunächst richtet sie aber gastfreundlich das
Abendessen. Vor dem Essen nun betet und psalmodiert der Bischof. Afra hat so
etwas noch nie gehört oder gesehen und erkundigt sich nach dem Beruf des
Gastes. Narzissus bekennt sich sofort frank und frei als Bischof der
Christen. Darauf offenbart auch Afra ihr Gewerbe. Narzissus lässt sich davon
nicht abschrecken, sondern antwortet mit einem bemerkenswerten Bild: „Christus“,
so sagt er, „kann durch die Berührung mit Schmutz und Schande nicht befleckt
werden. Ebenso wie das Sonnenlicht, wenn es schmutzige Orte bescheint, rein
und strahlend wieder zum Himmel zurückkehrt.“ Dann folgt das so genannte
Lichtwunder: Sie unterhalten sich die ganze Nacht hindurch. Narzissus erklärt
ihr den christlichen Glauben. Als die Öllampe erlischt, will Afra sie wieder
entzünden, aber es gelingt ihr nicht. Darauf sagt Narzissus: „Kümmere dich
nicht um das Licht, das verlöschen
kann. Bald wird dir ein Licht gezeigt, das nicht mehr erlöschen kann.“ Er
betet zu Christus mit den Worten des Psalms: „Komm, Licht vom Himmel, zeig
dein Antlitz und wir werden gerettet“ (vgl. Ps 80,4.8.20). Sogleich kommt wie
ein Blitz Licht vom Himmel und erhellt sonnengleich den Raum, bis der Morgen
dämmert. - Eine anrührende und anschauliche Schilderung, was passiert, wenn
jemand den christlichen Glauben entdeckt. - Nach mehreren Tagen Unterricht tauft Narzissus
Afra und ihre Mutter Hilaria sowie die anderen Mädchen, die sie bisher
beschäftigt hat. Das Haus der Hilaria wird zur Kirche, das Priesteramt übernimmt Zosimus, ein
Onkel Afras. Narzissus zieht nach neunmonatiger Missionsarbeit weiter nach
Spanien, wo er mit seinem Diakon drei Jahre später das Martyrium erleidet. In dem zweiten Teil, der
Passio, wird nun erzählt, wie Afra mit ihren Gefährtinnen als Christin vor
den römischen Richter geschleppt wird. Sie soll ihren Glauben verleugnen und
den Göttern opfern. Der Dialog mit ihrem Richter wird ausführlich
geschildert. Die ganze Erzählung ist sehr stark angelehnt an frühchristliche
Märtyerberichte. Es ist ein regelrechter Märtyerroman. Es kommt, wie es
unweigerlich kommen muss: Sie wird zusammen mit ihren Gefährtinnen zum Tod
verurteilt und soll lebendigen Leibes verbrannt werden. Das Urteil wird
außerhalb der Stadt vollzogen. Die Flammen erfassen ihren Leib nicht, aber
sie erstickt am Rauch. Heute steht an der Stätte, an der man ihr Martyrium
vermutet, die Kirche St. Afra im Feld. Als Todestag ist der 7. August
überliefert. Dargestellt wird Afra darum auch meistens während ihres
Martyriums, an einen Baumstamm angebunden, von lodernden Flammen umgeben.
Zusammen mit Bischof Ulrich ist sie die Patronin der Stadt und des Bistums
Augsburg. St. Ulrich und St. Afra ist neben dem Dom die bedeutendste Kirche
in Augsburg, Jahrhunderte lang zugleich Benediktinerkloster und Reichsabtei. Ihr
erster Abt war 1012 - 1015 Reginbald, der spätere Bischof von Speyer. Von
1064 bis 1071 wurde die Kirche neu gebaut. Bei den Bauarbeiten stieß man auf einen römischen Steinsarkophag, in dem
ein Skelett lag, das Spuren von Verbrennung zeigte. Man vermutete, die Gebeine der hl. Afra
gefunden zu haben und erhob sie zur weiteren Verehrung. Heute ist der
Sarkophag neben dem Grab des späteren Bischofs Ulrich in der Krypta der
Kirche zu sehen. Die Salier waren mit Augsburg
sehr eng verbunden. Bischof Heinrich II. von Augsburg (1047 – 1063) war in
seiner vorbischöflichen Zeit Kanzler der italienischen Kanzlei Heinrichs III.
gewesen. Nach dem Tod des Kaisers wurde er von 1057-1062 der einflussreichste
Berater der Kaiserinwitwe Agnes, als sie für ihren unmündigen Sohn die
Regentschaft führte. Es ist deshalb verständlich, dass die Regentin am
Bischofssitz ihres Vertrauten wichtige Angelegenheiten beraten und
entscheiden ließ. Kaiser Heinrich IV. hat sich
insgesamt vierzehnmal in Augsburg aufgehalten. Er weilte damit häufiger als
jeder andere Herrscher bis zum Ende der Stauferzeit in der Bischofsstadt am
Lech. Dies mag mit der Königstreue der Augsburger Bischöfe zusammenhängen. Zugleich
hatte Augsburg aber auch eine wichtige Funktion als Heeressammelplatz und
Ausgangspunkt für Italienzüge. Von daher war Heinrich natürlich die ganze
Afratradition vertraut. Offensichtlich wurde er ein besonderer Verehrer der
Heiligen. Eine für die Reichsgeschichte bedeutsame, in Augsburg entstandene
Quelle berichtet zum Jahre 1084, wie durch ein Wunder sei in der Nacht vom 6.
auf den 7. August die Stadt geräumt worden, die vorher von Truppen unter
Führung des feindlichen Bayernherzogs Welfs IV. besetzt worden war. Unter dem
Jubel von Klerus und Volk konnte Heinrich IV. am 7. August 1084 kampflos
einziehen. Auch darum mag Afra seine Lieblingsheilige gewesen sein. So geht
wohl auf seine Anregung das Patrozinium unserer Afrakapelle zurück. An dieser Stelle erlaube ich mir,
auf zwei Irrtümer hinzuweisen, die immer wieder im Zusammenhang mit der
Afrakapelle erzählt werden. Die Afra-Kapelle ist nicht nach der Tagesheiligen des Geburtstages seines Sohnes
Heinrich V. benannt, auch wenn diese Angabe gelegentlich in der Literatur zu finden
ist. Zwar sind wohl andere Kapellen am Dom nach solchen Tagesheiligen
benannt. Nach heutigen Erkenntnissen ist Heinrich V. aber am 11. August 1086
geboren, also einige Tage später. Vielleicht war der Grund für die Benennung eben
jener unerwartete Sieg und Einzug in die Stadt Augsburg. Dort hat Heinrich - wie
eine spätere Quelle berichtet - sich für Speyer Reliquien der hl. Afra
erbeten und auch bekommen. Der Überlieferung nach handelte es sich dabei um
das zweite Glied des großen Zehs. Leider ist diese Reliquie im Lauf der
Jahrhunderte hier verloren gegangen. Eine
zweiter Irrtum, den ich schon öfter gehört habe: die Affenkapitelle an der
Westseite der Afrakapelle wären eine Anspielung auf den Namen der Heiligen. So
plausibel diese Zuordnung auf den ersten Blick klingen mag, es handelt sich
offensichtlich um eine Volksetymologie. Affen symbolisieren nach
mittelalterlicher Tradition das Unheimliche, die Sünden und Laster. Im „Physiologus“, einem frühchristlichen
Kompendium der Tiersymbolik, wird der Affe sogar als Sinnbild des Teufels
bezeichnet. Der Affe, so heißt es da, hat einen Kopf, aber keinen Schwanz. Demzufolge
hat der Satan einen Anfang, aber seine Verdammnis wird kein Ende haben. Wie
auch an anderen Kirchen sollen die Affenfratzen den Betrachter auf das Böse
hinweisen, von dem er immer wieder bedroht ist, das er aber im Glauben
besiegen kann. Zurück
zur Legende um die heilige Afra. Heutzutage tun wir uns eher schwer mit solchen
wundersamen Geschichten. Wir werden diesen Erzählungen wohl am besten
gerecht, wenn wir sie als Ausdruck überzeitliche Wahrheiten sehen. In Form
von anschaulichen Geschichten soll den Menschen die Bedeutung des Glaubens
erschlossen werden. Walter Nigg, ein Schweizer reformierter Theologe, der
sich sein ganzes Leben lang mit Legenden beschäftigt hat, formuliert es so: „Legenden sind gestaltgewordener Geist des
Christentums, der alle pragmatische Tatsächlichkeit überflutet.“ D. h. sie
wissen um eine letzte Wirklichkeit hinter allen Dingen ähnlich wie die
Poesie, die Musik und die bildende Kunst. „Glaube ist Feststehen in dem, was
man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ So hat es die
heutige Lesung aus dem Hebräerbrief formuliert (Hebr 11,1). Und das
Evangelium fordert uns auf, einen Schatz im Himmel zu suchen, der
unvergänglich ist (Lk 12,33). Die Heiligen zeigen uns auf ihre Weise dazu den
Weg. Im
11. Jahrhundert verfasst Hermann der Lahme, ein Mönch von der Reichenau, das
Afra-Offizium. (Er ist übrigens als vermutlicher Verfasser des „Salve Regina“
auf der Innenseite unseres Domportals dargestellt.) Dabei handelt es sich um eine
Abfolge von Gesängen, die Afras Leben zu jeder Gebetsstunde an ihrem Festtag
erzählen. Seine Deutung hat nichts an Aktualität verloren. Afra ist in seinen
Augen das Bild einer Christin, die alle Anfeindung und Ablehnung der Welt
überwindet. Sie steht fest im Glauben und besteht die Feuerprobe des Leidens.
Damit wird sie zum Vorbild und zur Fürsprecherin für uns. So soll am Schluss
meiner Betrachtung jene Bitte stehen, die Hermannus Contractus, an die
Heilige des heutigen Tages richtet: „Heilige Märtyrerin Gottes, die du im Feuer des Glaubens
brennend die Flammen der Peiniger
verachtet hast, du Opferlamm Christi, lösche durch deine Gebete die verderbliche Glut der
Leidenschaft, damit in uns wachse die glühende Liebe zu Gott.“ Verwendete
Literatur in Auswahl: Walter Nigg, Die stille Kraft der Legende.
Vergessene Heilige kehren zurück. Freiburg 1982 Monika Prams-Rauner (Hrsg.), Hymni de sancta.
Hymnen an die heilige Afra. Augsburg 2006 www.augsburger-stadtlexikon.de/ da besonders: Georg Kreuzer: Von der fränkischen Zeit bis
zur Verleihung des Stadtrechts (1276) Manfred
Weitlauff u. a. (Hrsg.) Afra, eine frühchristliche Märtyrerin in Geschichte,
Kunst und Kult; 304 - 2004 ; Ausstellungskatalog des Diözesanmuseum St. Afra Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz. Der Dom zu
Speyer. Textband. (Bearbeitet von H. E. Kubach und W. Haas) 1972, S. 447ff Lexikon des Mittelalters. München 1980 Lexikon für christliche Ikonographie. Freiburg
1968 |